Friedrich Merz zieht dabei eine klare Linie von damals zu heute: Adenauers Leitlinien – die feste Westbindung, der Mut zu notwendigen, aber unpopulären Entscheidungen und die Einsicht, dass Frieden auch Stärke erfordert.  Diese sind für den Bundeskanzler entscheidend in der aktuellen Zeitenwende. Er macht deutlich: Das Haus Deutschland muss saniert werden. Und Adenauers Weitsicht dient dabei als Kompass.

150 Jahre Konrad Adenauer: Verantwortung verpflichtet

Der Historiker Arnulf Baring überschrieb eines seiner Bücher über die frühen Jahre der Bundesrepublik mit „Im Anfang war Adenauer“. Ein Satz, der versucht zusammenzufassen, welche richtungsgebende Rolle der erste Bundeskanzler für unser Land eingenommen hat. Ohne Konrad Adenauer wäre Deutschland nicht, was es heute ist. Vor 150 Jahren wurde er in Köln geboren, am 5. Januar 1876.

Doch im Jahr 1949 war es alles andere als ein Selbstläufer, dass der „Alte aus Rhöndorf“ überhaupt Bundeskanzler wurde. Es war alles andere als selbstverständlich, dass er den Kurs unseres Landes für die kommenden Jahrzehnte prägen würde. Dass es so kam, war ein Musterbeispiel für Adenauers taktisches Geschick. Nachdem die CDU die Bundestagswahl denkbar knapp gewonnen hatte, lud er politische Schwergewichte von Ludwig Erhard bis Franz Josef Strauß in sein Rhöndorfer Wohnhaus am „Faulen Berg“ ein. Auf feinem Porzellan gab es alles an Köstlichkeiten, was zu jener Zeit aufzutreiben war, dazu guten Wein. Die Dramaturgie dieses Treffen lenkte Adenauer dann geschickt zur Kanzlerfrage. Gefragt nach seiner Gesundheit, antwortete er, er habe mit seinem Arzt gesprochen. Dieser habe gesagt, dass der Amtsausübung für „ein bis zwei Jährchen“ aus medizinischer Sicht nichts entgegenstehe. Es wurden 14 Jahre daraus. 14 bedeutende Jahre für unser Land.

Adenauer übernahm eine Aufgabe, die schwerer nicht sein konnte: Auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges ein neues, ein besseres Deutschland zu schaffen. Er hinterließ ein prosperierendes Land mit einer freien und sozialen Marktwirtschaft. Adenauer legte das Fundament der Bundesrepublik Deutschland. Auf dieses stabile Fundament können wir heute bauen, wenn es darum geht, dieses Haus Bundesrepublik Deutschland so umfassend zu sanieren, dass es uns allen wieder eine gute Heimat bietet.

Den Staatsmann Adenauer zeichnete seine weise Voraussicht aus. Diese zeigte sich etwa in einem Schreiben Adenauers vom 31. Oktober 1945: „Russland hat in Händen: die östliche Hälfte Deutschlands, Polen, den Balkan, anscheinend Ungarn, einen Teil Österreichs.“

Daraus formulierte Adenauer die politische Leitlinie seiner Kanzlerschaft: Er setzte auf eine starke Westbindung durch eine enge Zusammenarbeit mit den westlichen Demokratien, besonders die Aussöhnung mit Frankreich. Sein Ziel, eine „Union der westeuropäischen Staaten“ und die Deutsche Einheit in Freiheit.

Von Adenauer lernen heißt, den Weg zu gehen, den man als richtig erkannt hat, auch wenn er nicht immer populär ist. Die großen Entscheidungen seiner Kanzlerschaft waren überschattet von Spannungen und Kritik, etwa bei der Gründung der Bundeswehr. Lange Zeit war Adenauer mit diesem Ziel nahezu allein. Doch er wusste, dass die Wiederbewaffnung und Einbindung in die NATO Voraussetzungen waren, um Deutschlands Sicherheit und Freiheit zu verteidigen.

Adenauer war überzeugt: Frieden gibt es nur durch glaubwürdige Abschreckung. Auf dem Gründungsparteitag der CDU im Jahr 1950 in Goslar erklärte Adenauer, ein totalitärer Staat werde nur dann bereit sein, sich friedlich einzuordnen in das Gesamtgefüge der Völker, „wenn seine Machthaber wissen, dass jedes Ausbrechen, jeder Angriff für sie selbst schwerste, unter Umständen vernichtende Folgen hat“. Dieser Grundsatz leitet uns heute wieder.

Auch heute leben wir wieder in einer Zeit großer Machtverschiebungen. Vermeintliche Gewissheiten und Sicherheiten früherer Jahrzehnte gehen verloren. Wir können uns nicht länger darauf verlassen, dass andere für unsere Sicherheit sorgen. Unser Schicksal müssen wir wieder selbst in die Hand nehmen. Es geht dabei um die Auseinandersetzung zwischen Autokratien und Demokratien, zwischen Unterdrückung und Freiheit. Dazu braucht es glaubhafte Abschreckung in Deutschland und Europa.

Deutschland ist heute Mitgestalter der europäischen Ordnung. Eine deutsche Führungsrolle wird von unseren Partnern erwartet, und sie vertrauen auf uns. Das verdanken wir auch Konrad Adenauer. Ebenso wie unsere enge Freundschaft zu Israel. Das ikonische Foto mit dem israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion 1960 in New York markiert einen Meilenstein der Versöhnung. Die Unterstützung für die Existenz und Sicherheit Israels ist Wesenskern der Bundesrepublik und meiner Partei.

Konrad Adenauer war ein großer Staatsmann, ein Christ und ein Demokrat. Er prägte die überkonfessionelle Ausrichtung der CDU, die Katholiken wie Protestanten, Arbeiter wie Bürgerliche zusammenbrachte. Trennendes zu überwinden und Gemeinsames zu suchen, das war das Ziel dieser neuen politischen Kraft. Was damals den Neuanfang möglich machte, bleibt heute aktuell: Der Wille, unterschiedliche Überzeugungen unter einem gemeinsamen Wertefundament zu einer neuen Einheit zusammenzuführen. Das ist auch heute die Aufgabe der CDU.

Seinen letzten Geburtstag feierte Adenauer bei einem Stehempfang mit Sekt und Orangensaft in Rhöndorf. Beim Essen hielt er eine Rede, blickte auf sein Leben zurück und gab seinen Gästen folgende Lebensweisheit mit: „Der Politiker muss Pessimist sein.“ Falls Adenauer wirklich Pessimist gewesen sein sollte, dann doch wohl ein sehr optimistischer Pessimist. Er dachte das Scheitern mit, weil er an das Gelingen glaubte – aus einer persönlichen Verpflichtung für die Verantwortung für eine gute Zukunft.

Dieser Verantwortung fühlen wir uns, fühle ich mich, heute verpflichtet.