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Beiträge

24.10.2008 | Wolfgang Schäuble |

Soziale Marktwirtschaft

Freiheit bedeutet Unvollkommenheit

Wir erleben "die größte Vertrauenskrise der modernen Marktwirtschaft seit Ende des zweiten Weltkrieges", meint Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in einem Namensartikel in der Tageszeitung "Die Welt". Verantwortlich für die aktuelle Situation auf den Finanzmärkten macht er "die Maßlosigkeit des Menschen" und seinen Hang zu Übertreibungen. Doch der Innenminister beruhigt: Die Soziale Marktwirtschaft wird daran nicht zugrunde gehen. Weil sie lernfähig sei, werde sie aus der aktuellen Krise lernen und diese wie künftige Herausforderungen "am besten meistern".
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble Die Soziale Marktwirtschaft wird an der Finanzkrise nicht scheitern.

Lesen Sie hier den Namensartikel von Wolfgang Schäuble:

"Die fragwürdigen Dinge dieser Welt gehen an ihrer eigenen Natur, die guten jedoch an ihrer Übertreibung zugrunde." Dieser Satz Wilhelm Röpkes aus dem Jahre 1957 ist im Grunde eine antike Weisheit. Schon der Mythos von Daidalos und seinem Sohn Ikaros spiegelt den menschlichen Erfindergeist, sein Streben nach Fortschritt und seinen Erfolg ebenso wie sein Verhängnis aufgrund von Übermut, Übertreibung, letztlich Maßlosigkeit. Der gelungenen Flucht aufgrund einer genialen Idee folgt der Absturz, weil Ikaros - die Mahnungen seines Vaters nicht achtend - immer höher fliegt, bis die eigentlich taugliche Konstruktion seines Vaters ihre Tragfähigkeit verliert.

Die Sage zeichnet mit dem Bild des kindlichen Übermuts ein wiederkehrendes Muster menschlicher Schwäche. Wir erleben dieser Tage die größte Vertrauenskrise der modernen Marktwirtschaft seit Ende des Krieges. Die Ursachen hierfür liegen in menschlichen, allzumenschlichen Übertreibungen. Die Marktwirtschaft wird daran nicht zugrunde gehen. Sie hat sich in den letzten Jahrzehnten als tragfähiges System erwiesen und - mit einer beispiellosen Dynamik - einen bis dahin unerreichten Wohlstand geschaffen.

In der menschlichen Geschichte kann es keine ununterbrochene Linie nach oben geben. Auf eine Serie von Erfolgen und von Fortschritten folgen Rückschritte. Das hat nichts damit zu tun, dass die soziale Marktwirtschaft als System nicht funktioniert, sondern liegt eher in der menschlichen Natur. Man muss sich der Maßlosigkeit des Menschen und seines Hangs zur Hybris bewusst werden, wenn man die derzeitige Krise - aber auch frühere - verstehen will.

Wenn man zurück in die Geschichte blickt, kamen größere Krisen oft nach längeren Phasen der Stabilität und soliden Wachstums. Gerade in der ersten Zeit der modernen Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert gab es tiefe Wirtschaftskrisen, die sich aus Phasen großer Innovation, darauf folgender Spekulation und anschließender Rezession entwickelt haben. Auch damals waren Hybris und maßlose Gier die Triebfedern, die ins Verhängnis führten. Emile Zola beschreibt das in seinem Roman "L'Argent" - wie wir heute wissen - zeitlos.

Plausible volkswirtschaftliche Erklärungen

Für die gegenwärtige Krise gibt es viele plausible volkswirtschaftliche Erklärungen: die über viele Jahre hinweg laxe Geldpolitik der amerikanischen Notenbank, die unverantwortliche Anheizung des amerikanischen Immobilienmarktes - sozial- und integrationspolitisch getrieben -, die verhängnisvolle Entscheidung der Securities and Exchange Commission zur Aufhebung der Verschuldungsgrenzen für Wertpapierhandelshäuser, die Refinanzierung und weltweite Verteilung des gigantischen Hypotheken- und Kreditausfallrisikos durch Verbriefung und Finanzinnovationen bis hinein in die Depots der Bürgerinnen und Bürger.

Das ist alles wahr und greift doch zu kurz. Denn niemand war gezwungen, sich dem Streben nach kurzfristiger Rendite zu unterwerfen, niemand war gezwungen, wegen ein paar Basispunkten von sicheren Staatsanleihen auf spekulative Zertifikate und Derivate umzusteigen. Aber viele wollten dabei sein, als der Kapitalmarkt hohe Rendite versprach: die Banken, viele Bürger und auch nicht wenige staatliche Einheiten wie beispielsweise etliche Gemeinden.

Hinzu kommt vielfältiges individuelles Versagen von Mitgliedern der internationalen Finanzelite - beispielsweise von Managern großer Finanzkonzerne, die offensichtlich selbst nicht mehr in der Lage waren, die von ihnen mit geschaffenen Strukturen zu durchschauen. Das Unbehagen darüber wird umso größer, als viele angesichts von Gehältern, Bonuszahlungen und Gewinnen in bestimmten Bereichen der Finanzindustrie schon länger das ungute Gefühl hatten, dass hier Maßlosigkeit unkontrolliert waltet.

Erste große Krise der Informationsgesellschaft

Es wird eine längerfristige Aufgabe sein, möglichst unideologisch zu analysieren, was genau die Ursachen und Auslöser für diese Krise waren, und sie im Wechsel von wirtschaftlichem Wachstum und wirtschaftlichen Rückschlägen einzuordnen. Denn auch wenn es schon früher ähnlich ernste Krisen gegeben hat, so hatte jede Krise unterschiedliche Auslöser. Und so hat die jetzige Krise wohl auch mit den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen einer globalisierten Welt und einer globalisierten Finanzwirtschaft zu tun. So wie Emile Zola die erste große Krise des Industriekapitalismus beschreibt, haben wir heute vielleicht die erste große Krise der Informationsgesellschaft und ihrer Ökonomie.

Lord Dahrendorf hat jüngst diagnostiziert, dass die Globalisierung im Finanzsektor vor allem eine Informationsrevolution war, und das plastisch am Lebensstil der handelnden Personen beschrieben: Früher seien Banker in der Londoner City zwischen 10 und 11 Uhr ins Büro gekommen, um halb eins gab es den ersten Sherry, dann speiste man ausgiebig mit interessanten Leuten zu Mittag, dann musste man noch im Büro bleiben, bis die Wall Street aufmachte - also bis halb vier nachmittags -, danach fuhren alle nach Hause.

Auf den Finanzmärkten werden Komplexitäten geschaffen und gehandelt, die an die Grenzen der menschlichen Verständnisfähigkeit gehen.

Die heutige permanente Informationsverfügbarkeit habe eine neue Art von "Wirtschaftssubjekten" geschaffen: Leute, die 24 Stunden arbeiten und sich völlig kaputtmachen. Die Informationsgesellschaft auf den Finanzmärkten hat dazu geführt, dass dort Komplexitäten geschaffen und gehandelt werden, die an die Grenzen der menschlichen Verständnisfähigkeit gehen. Der Handel mit Derivaten bedeutet, dass sich Risiken und Informationen über Risiken völlig von ihrer Grundlage lösen und immer weniger anschaulich werden.

Bei dem guten alten Hypothekenkredit kann die Bank das Grundstück besichtigen, das beliehen wird. Wenn sie vorsichtig war, dann hat sie es nur zu 60 oder 80 Prozent beliehen. So war sie sicher, solange die Werte nicht stärker fielen. Würden sie stärker fallen, fiel die Bank in der Regel nur mit einem kleinen Teil ihres Engagements aus. Ging es im Einzelfall stärker schief, so wusste man, dass eine Fehleinschätzung zugrunde lag. Die Ausleihung hat die Bank mit Eigenkapital unterlegt. Entscheidung, Handeln und Risiko lagen in einer Hand.

Im modernen Finanzsystem ist es weit komplizierter. Die finanzierende Bank gibt das Kreditrisiko weiter, ein Dritter übernimmt es. Der Dritte muss nun - ohne das Grundstück und den Kreditnehmer ebenso gut zu kennen, also mit viel weniger Informationen - zu einer Risikoeinschätzung kommen. Die Bank glaubt sich sicher, weil sie das Kredit- und Ausfallrisiko losgeworden ist. Sie trägt aber das Bonitätsrisiko dessen, der ihr das Kredit- und Ausfallrisiko abgenommen hat. Sie muss also eine ihr überschaubare Risikobewertung - etwa die Verwertbarkeit eines bestimmten Betriebsgrundstücks - ersetzen durch eine viel komplexere Risikobewertung: Ist etwa Lehman Brothers eine Adresse, die sicher genug ist als Übernehmer von Kreditrisiken? Hier muss sie sich wiederum auf Ratingnoten verlassen, die ihrerseits auf einer sehr individuellen Sammlung und Gewichtung von Informationen beruhen.

Mangelnde Transparenz, zunehmende Beschleunigung und Komplexität

Die wirklichen Strukturen sind weit komplizierter, das Grundproblem bleibt aber: mangelnde Transparenz, zunehmende Beschleunigung und Komplexität. Gute Entscheidungen setzen aber voraus, dass man die Dinge übersieht, versteht und richtig einschätzt. Überblick und Sachkenntnis wurden vielfach durch reines Vertrauen ersetzt. Der Übertreibung in die eine Richtung, dem teilweise leichtfertigen Vertrauen, folgt dann fast zwangsläufig die Übertreibung in die andere Richtung: der völlige Vertrauensverlust. Nun glaubt an den Finanzmärkten niemand mehr irgendetwas.

Deswegen ist der Staat jetzt gefordert. Denn nur er hat in der jetzigen Situation das notwendige Vertrauen. Es gehört zu den positiven Seiten dieser Krise, dass sie den Wert und die Kraft des Staates und das Vertrauen in ihn zeigt. Viele sahen den Nationalstaat bereits als ein Relikt vergangener Zeiten, das mit zunehmender Globalisierung, Liberalisierung der Märkte und Öffnung der Grenzen bedeutungsloser zu werden schien.

Freiheit - persönliche wie wirtschaftliche - gründet aber immer auf Verantwortung. Die Verbindung zwischen Freiheit und Verantwortung bedarf der Ordnung. Die Märkte, wie wir sie kennen, brauchen eine komplexe staatliche Rahmenarchitektur, die ihre Funktionsbedingungen sichert und das Vertrauen gewährleistet, das sie selbst nicht schaffen, ohne das sie aber nicht existieren können. Seit je hatte der Staat die Aufgabe, das Geld bereit- und die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems sicherzustellen.

Freiheitliche Gesellschaft lebt vom Vertrauen

Mit dem Verhältnis von Markt und Staat ist es ähnlich wie mit dem Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. Sie sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich. Auch die Wahrnehmung der Freiheitsrechte setzt ein hinreichendes Maß an Sicherheit als Grundlage für Vertrauen voraus. Eine freiheitliche Gesellschaft lebt vom Vertrauen - vom Vertrauen in eine funktionsfähige Wirtschaft ebenso wie vom Vertrauen in den Schutz des Individuums als Grundvoraussetzung für persönliche Freiheit. Sie lebt vom Vertrauen in die öffentliche Sicherheit und Ordnung, vom Vertrauen in den Rechtsstaat. Das Hilfspaket der Bundesregierung in der Finanzmarktkrise ist geeignet - und ich bin zuversichtlich, dass es gelingt -, die akuten Probleme des Finanzmarktes zu beseitigen: Das Wichtigste ist, dass wir aus den Fehlern lernen und dass wir aus dem Rückschlag einen Fortschritt machen.

Es muss Korrekturen geben. Wir dürfen uns aber nicht in eine Systemkrise hineinreden.

Es muss Korrekturen geben. Wir dürfen uns aber nicht in eine Systemkrise hineinreden. Wer glaubt, ein System entwickeln zu können, das völlig frei von Krisen und Rückschlägen ist, der ist nicht weniger der Hybris verfallen als jene, die in den letzten Jahren an die grenzenlose Effizienz und Stabilität der globalisierten Märkte geglaubt haben. Wir müssen unterscheiden zwischen der Bewältigung der akuten Vertrauenskrise - hier gibt es niemanden anderen als den Staat - und der Vorbeugung gegen ähnliche Krisen. Dabei wird es nicht um mehr oder weniger Staat oder um mehr oder weniger Regulierung gehen, sondern schlicht um eine bessere, problemadäquatere Regulierung.

Es wird auch kein Allheilmittel sein, einfach immer mehr Regulierung auf die internationale Ebene abzugeben. Die Stabilität des Systems muss sich dadurch nicht unbedingt erhöhen. In vereinheitlichten Systemen mögen vielleicht weniger Fehler passieren, aber jeder einzelne Fehler birgt das Risiko, dass er alle betrifft und sich so breiter auswirkt. Monokulturen und Giganten haben, solange es gut geht, häufig spektakulärere Erfolge. Sie führen aber auch zu tieferen Krisen. Deswegen sollten wir die Mischkultur pflegen, die wir in Deutschland haben.

Mittelstand nicht vernachlässigen

Wir brauchen nicht nur große Konzerne und Großbanken, sondern auch eine starke mittelständische Wirtschaft. Das ist die beste Vorkehrung gegen Übertreibungen und Krisen, wie wir sie in diesen Tagen spüren. Deswegen dürfen wir den Mittelstand nicht vernachlässigen, zum Beispiel in der Steuerpolitik. Es darf kein Argument für die Bevorzugung großer Konzerne sein, dass diese ihre Aktivitäten ins Ausland verlagern können. Unterschiedlich intensiver Steuerwettbewerb sollte nicht dazu führen, dass jene schlechter gestellt werden, die nicht ausweichen können. Es ist auch der Mittelstand, in dem Bindungen häufig noch zählen: der persönliche Kontakt zu Geschäftpartnern und Kunden, die familiäre Tradition und Unternehmensfortführung.

Damit sind Werte verbunden, die wichtige Voraussetzungen dafür sind, dass der Markt funktioniert. Wirtschaft hat ebenso viel mit Sitten und Tugenden wie mit betriebswirtschaftlicher und buchhalterischer Mechanik zu tun. Wirtschaft lebt vom Miteinander, vom Austausch auf langfristiger Basis, Wirtschaft lebt auch von Tradition und Erfahrung - gerade in unserer schnelllebigen, unübersichtlichen Welt.

Die Marktwirtschaft ist immer dann am stärksten und im Gleichgewicht, wenn sie von Menschen getragen wird, die über den Tag und das nächste Quartal hinaus handeln und Verantwortung übernehmen. Auch das wusste Wilhelm Röpke, in "Jenseits von Angebot und Nachfrage" heißt es: "Selbstdisziplin, Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit, Fairness, Ritterlichkeit, Maßhalten, Gemeinsinn, Achtung vor der Menschenwürde des anderen, feste sittliche Normen - das alles sind Dinge, die die Menschen bereits mitbringen müssen, wenn sie auf den Markt gehen und sich im Wettbewerb miteinander messen."

Das sind hohe Ansprüche, die sicher auch nach dieser Krise nicht immer erfüllt werden. Es geht auch nicht um Makellosigkeit im Einzelfall, sondern darum, dass uns diese Tugenden nicht aus dem Blick geraten. Es wird darauf ankommen, diese Werte auch in der globalisierten Informationsgesellschaft zu erhalten. Unserer sozialen Marktwirtschaft liegt die Idee der offenen Gesellschaft zugrunde. Sie wird aus der Krise lernen. Und weil sie lernfähig ist, wird sie diese wie künftige Herausforderung am besten meistern.

Der Text ist eine gekürzte Fassung der Rede des Bundesinnenministers beim Tag der Wirtschaft der Volksbanken und Raiffeisenbanken am 15.Oktober in Frankfurt am Main. Veröffentlicht wurde der Artikel in der Tageszeitung "Die Welt" vom 24.10.2008, S. 7.

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