"Keine Einheitsschule, sondern pädagogische Vielfalt in einer differenzierten Schule"
Das komplette Interview in Wortlaut:
Südwest Presse: Frau Schavan, der CDU-Bundesparteitag im November wird über ein neues Bildungskonzept beraten. Unter Ihrer Federführung wurde dazu ein Leitantrag entworfen, der für Unmut in der Partei besonders im Südwesten sorgt. Gefährdet die Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem den Markenkern der CDU?
Schavan: Nein, überhaupt nicht. In keinem Papier steht, die Hauptschule wird abgeschafft. Sie muss weiterentwickelt werden. Jeder weiß, dass wir in 10, 15 Jahren 30 Prozent weniger Schüler haben. Die Anforderungen in fast allen Berufen sind höher geworden. Deshalb muss unser Bildungssystem weiterentwickelt werden. Bei den Inhalten, bei den Methoden und auch den Strukturen. Wir wollen keine Einheitsschule, wir wollen ein differenziertes, durchlässiges System.
Südwest Presse: Aber, Stichwort Markenkern, die baden-württembergische CDU kämpft seit Jahrzehnten für den Erhalt der Hauptschule. Viele, die da an der Basis den Kopf hingehalten haben, sehen sich überfahren.
Schavan: Eine Volkspartei bleibt nur Volkspartei, wenn sie sich weiterentwickelt. Volkspartei lebt von der Veränderung. Die CDU kann sich Veränderung auch leisten, weil sie einen klaren Wurzelgrund hat.
Südwest Presse: Ihnen wird auch von Parteifreunden vorgehalten, es gehe Ihnen als Bundesministerin wieder um mehr Einfluss in der Schulpolitik?
Schavan: Der Vorwurf ist abwegig. Es geht nicht um Macht für die Bundespolitik, sondern um die Erwartung von weit über 90 Prozent der Bürgerinnen und Bürger. Die Öffentlichkeit hat kein Verständnis dafür, dass die Unterschiede immer größer zu werden scheinen. 80 000 Schülerinnen und Schüler wechseln pro Jahr mit ihren Familien das Bundesland. Für diese Familien ist es wichtig, dass sie sich auf die Vergleichbarkeit des Bildungssystems verlassen können. Das heißt sehr wohl pädagogische Vielfalt, es müssen nicht alle das Gleiche tun. Aber es muss vergleichbare Ergebnisse bringen. Das ist heute nicht so.
Südwest Presse: Die Reaktionen der Union in Baden-Württemberg und noch mehr in Bayern auf Ihr Konzept sind aber alles andere als jubilierend. Schlägt da die baden-württembergische CDU einen Sonderweg ein?
Schavan: Das glaube ich nicht. Bayern ist längst auf dem Weg zur Mittelschule. Auch die Werkrealschule in Baden-Württemberg ist ja ein Weg zur Weiterentwicklung des Bildungssystems. Ich freue mich auf die Diskussionen, die wir in den nächsten fünf Monaten führen. Ich mache Bildungskonferenzen in Südbaden und Südwürttemberg, ich werde beim Bildungsparteitag der Landes-CDU dabei sein, bei der Bildungskonferenz der Fraktion. Ich bin davon überzeugt, wir werden über die allermeisten Dinge Übereinstimmung erreichen. Über manches muss dann ein bisschen gestritten werden. Ich möchte, dass die CDU Baden-Württemberg die erfolgreiche und moderne bildungspolitische Kraft in Deutschland bleibt. Das war sie immer, das Bildungssystem in Baden-Württemberg hat sich nie ausgezeichnet dadurch, dass irgendjemand sagt, alles bleibt wie es ist.
Südwest Presse: Ist der Konsens zwischen der rot-grünen Landesregierung und der CDU in Nordrhein-Westfalen Wasser auf Ihre Mühlen?
Schavan: Ein richtiger Schritt. Das entspricht der Erwartung der Öffentlichkeit, nicht ständig über Schulstrukturen zu streiten und darüber die wichtigen Debatten über Bildungsinhalte zu vernachlässigen. Der Konsens geht in die Richtung unseres Papiers: Keine Einheitsschule, sondern pädagogische Vielfalt in einer differenzierten Schule.
Südwest Presse: Kann man verkürzt sagen, es wird einen Abschied von der Dreigliedrigkeit geben?
Schavan: Der Trend ist da. Es gibt immer weniger Schüler, das kann nicht zu mehr Schularten führen. Auch die Sicherung der Bildungschancen bei erhöhten Anforderungen in vielen Berufen erfordert immer stärker einen mittleren Abschluss.
Südwest Presse: In das Wort differenziert kann man viel hineininterpretieren. Was heißt differenziert für Sie?
Schavan: Differenziert heißt keine Einheitsschule. Die Mehrheit der CDU-regierten Länder gehen bereits neue Wege. Die CDU Schleswig-Holstein hat sich für die Zweigliedrigkeit entschieden. Die CDU Niedersachsen zur Einführung der Oberschule. . .
Südwest Presse: Macht man die Leute nicht kirre mit diesen Begriffen, Mittelschule, Werkrealschule, Oberschule. . .
Schavan: Das ist die Aufgabe der Kultusministerkonferenz, sich endlich zu einigen auf einen Namen. Der Name macht doch nicht das Profil einer Landesregierung aus.
Südwest Presse: Warum heißt die denn nicht Mittelschule oder wie auch immer?
Schavan: Der Hauptschulabschluss wird auch in zehn Jahren existieren, weil er in einer Reihe von Branchen akzeptiert ist. Wir müssen aber jedem Schüler die Möglichkeit geben, auch einen weiteren Abschluss zu machen. Die Verschiedenheit von Namen macht nicht das Profil von Bildungspolitik aus.
Südwest Presse: Ist es in Baden-Württemberg Zeit für einen Schulkonsens wie in NRW?
Schavan: Nein, jetzt muss erst einmal die Landesregierung sagen, wie sie sich das Bildungssystem der Zukunft vorstellt. Neue Etiketten reichen nicht. Der Weg der CDU-geführten Landesregierung in Richtung Werkrealschule war ein Weg, der auch mit einem inhaltlichen Konzept verbunden war.
Südwest Presse: Die Länder arbeiten an gemeinsamen Standards für Schulabschlüsse, es gibt jetzt den Vorschlag, diese mittels Staatsvertrag besonders zu verankern. Wäre das in Ihrem Sinn?
Schavan: Ich halte den Weg hin zu einem Staatsvertrag für richtig. Zunächst sind in diesen Fragen die Länder zuständig. Bildungspolitik ist ein Herzstück der Landespolitik. Ein Staatsvertrag über die Vereinbarung gemeinsamer Schulabschlüsse würde die Ernsthaftigkeit unterstreichen. Ich habe schon als Landeskultusministerin Bildungsstandards in der Kultusministerkonferenz durchgesetzt.
Südwest Presse: Auch in der CDU wird aber über die Abschaffung der grundgesetzlich verankerten Länderhoheit in der Bildungspolitik nachgedacht.
Schavan: Beim CDU-Bundesparteitag wird vor allem über noch mehr Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern bei der Wissenschaft diskutiert werden. Der Bund muss sich konzentrieren auf das Thema Wissenschafts- und Forschungsstandort. Der Bund wird immer nur ergänzend in der Bildungspolitik tätig werden, die Länder dürfen dieses Feld nicht vernachlässigen. Keiner Bundesregierung wird es gelingen, Defizite vor Ort aufzulösen. Aber die Debatte sollte von gesamtstaatlicher Verantwortung geprägt sein, es geht um den Bildungsstandort Deutschland in der Europäischen Union. Dazu kommt, dass auch die Kommunen ausgeprägter ihre Erwartungen geltend machen. Die Bürgermeister und Gemeinderäte wollen an den bildungspolitischen Planungen aktiv teilnehmen.
Südwest Presse: In diesem Geist ist in Düsseldorf ein guter Anfang gemacht worden?
Schavan: Ja.
Das Interview führten Wilhelm Hölkemeier und Hans-Uli Thierer. In: Südwest Presse, 27.07.2011