V.l.n.r.: Tina Hentschel (Studentin), Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, Alexandra Gerlach (Moderatorin, Deutschlandfunk), Christian Reinboth (Jungunternehmer aus Wernigerode)
"Für mich persönlich gibt es schon gar kein Ost-West-Denken mehr im Kopf", meinte die 21-jährige Studentin Tina Hentschel in ihrem ersten Satz. "Es gibt ja schließlich genauso wenig ein vergleichbares Nord-Süd-Denken". Die Auswahl ihres Studienortes Dresden hatte mit den Studienbedingungen vor Ort und der Nähe zu ihrer Heimat im südostsächsischen Zittau zu tun, "und rein gar nichts damit, dass ich unbedingt im Osten bleiben wollte", so die Studentin.
"Die heutige Jugend hat alle Chancen, die meine Generation auch gern gehabt hätte", betonte Ministerpräsident Böhmer. Deshalb ist ihm trotz der anhaltenden Abwanderung gen Westen nicht bange um die Zukunft der Neuen Länder. "Ihr seid doch jung und sollt die Welt erkunden", sagte Böhmer. Wichtig sei nur nicht zu vergessen, wo man herkommt. Längst böten die ostdeutschen Bundesländer mit einer Vielzahl von Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätzen vielversprechende Perspektiven für junge Menschen, so dass die Abwanderung in den Westen kein Naturgesetz mehr sei.
Dass der Weg auch in die andere Richtung führen kann, schilderte Christian Reinboth. Während seiner Schulzeit in Niedersachsen warben die Professoren aus der Harz-Universität Wernigerode persönlich um potentielle Studenten aus den alten Bundesländern. Ihre Argumente: Attraktive Studienbedingungen, individuelle Betreuung und nahezu unbegrenzte Forschungsmöglichkeiten. Ihr Einsatz hat sich gelohnt. "Die Entscheidung nach Sachsen-Anhalt zu gehen, habe ich noch keine Sekunde bereut", berichtet Reinboth. Auch nach dem Studium blieb er seiner neuen Heimat treu und gründete im Jahr 2006 mit Unterstützung seiner Universität die Firma "Harz Optics GmbH", die sich vor allem mit ihren innovativen Ideen im Bereich der optischen Industrie einen Namen machte.
"Wenn wir erfolgreich sein wollen, können wir halt nicht nur die Modelle aus anderen Ländern kopieren", unterstrich Böhmer. "Wir können nur durch neue Ideen in allen Bereichen auf uns aufmerksam machen". Daneben appellierte er an die Leistungsbereitschaft der Menschen. Man könne nicht in jeder Lebenslage immer nur nach dem Staat rufen. Aufgabe der Politik sei es von daher, die Menschen zu Leistung und Eigeninitiative zu motivieren, auch wenn man es mit diesem Standpunkt in vielen Diskussionen schwer habe.
Eine weitere dauerhafte Herausforderung sei es, sich die Lebenssituation in der früheren DDR ins Gedächtnis zu rufen. Das alltägliche Zusammenleben der Menschen habe sicherlich auch seine schönen Seiten gehabt, meinte Tina Hentschel. Dennoch müssten wir "zur Kenntnis nehmen, dass die DDR ein undemokratischer Unrechtsstaat gewesen" sei. "Heute macht man zum Beispiel ganz selbstverständlich während des Studiums ein Auslandssemester in einem Land seiner Wahl. Das wäre doch früher gar nicht möglich gewesen", betont die Studentin. Ungeachtet der oft verniedlichten "Ostalgie" sei es Aufgabe aller in der Gesellschaft, an die Schattenseiten des Systems zu erinnern. Dabei will Wolfgang Böhmer insbesondere Eltern und Lehrer in die Pflicht nehmen: "Wir können doch nicht zulassen, dass sich die Linken mit ihrer nostalgischen DDR-Legende durchsetzen". Konkret schlugen die Diskutanten vor, beispielsweise den Besuch von Gedenkstätten in die Lehrpläne aufzunehmen und verstärkt mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. "Und wir müssen die Bürger in Zukunft noch besser über die unrealistischen Versprechungen der Linken aufklären", mahnte Ministerpräsident Böhmer.
